Mitteilungen

"Neues aus dem Tal" - Jubiläen, Ehrungen, Berichte

Streit schlichten mit Geschick und Kenntnis

Ehrenamt: Heidi Adam wurde als neue Lautertaler Schiedsperson in ihr Amt eingeführt / Ihr Stellvertreter ist Wolfgang Hechler

Heidi Adam ist die neue Schiedsperson der Gemeinde Lautertal. Ihr Vertreter ist Wolfgang Hechler. Beide waren Anfang Juli von der Gemeindevertretung gewählt worden und wurden nun bei einem kurzen Pressetermin offiziell von Bürgermeister Andreas Heun in ihr Amt eingeführt.

Heidi Adams Vorgängerin Helga Dohme, frühere Erste Beigeordnete der Gemeinde, übte das Amt seit 2008 als Stellvertreterin und seit 2015 als Amtsinhaberin mit Albrecht Kaffenberger als Vertreter aus. Sie berichtete von den Anforderungen dieser Tätigkeit.

Erfahrung in der Kommunalpolitik
Dohme hatte vom Amtsgericht Bensheim eine Entlassungsurkunde erhalten. Eine Ernennungsurkunde für die neuen Schiedsleute gab es dagegen nicht.
Heidi Adam blickt auf eine langjährige Erfahrung in der Lautertaler Kommunalpolitik zurück. Die frühere Vorsitzende der Freien Wählergemeinschaft war unter anderem jahrelang Vorsitzende der Gemeindevertretung.
Hechler sitzt für die SPD in der Gemeindevertretung und ist Vorsteher des Ortsgerichtsbezirkes 2 der Gemeinde, der die Ortsteile Gadernheim, Raidelbach, Knoden, Breitenwiesen und Schannenbach umfasst.

Entlastung für Gerichte
Bürgermeister Heun wies in seiner kurzen Ansprache auf die Bedeutung des Amtes hin, das „Rechtskenntnis, Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick“ erfordere. All das habe Dohme bewiesen. Er wünschte dies jetzt auch ihrer Nachfolgerin und deren Vertreter.

Das Amt der Schiedsperson entlaste nicht nur die Gerichte, sondern nutze der Verwaltung ganz unmittelbar. Denn dort könne der eine oder andere Konflikt gelöst werden, der sonst an der Gemeinde hängenbliebe.

Ist die Verwaltung selbst in einen Konflikt involviert, muss die Schiedsperson eine gebührenpflichtige Verhandlung mit dem Ziel eines Vergleichs einberufen, erläuterte Helga Dohme. Fälle ohne Beteiligung der Verwaltung können auch in einem sogenannten Tür- und Angel-Geschäft abgewickelt werden, das für die Beteiligten kostenlos ist.

Heidi Adam bedankte sich bei Helga Dohme für die „vollumfängliche Information“ über die Aufgaben und die perfekte Aktenführung.

(Text und Foto: Philipp Kriegbaum)

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90. Geburtstag von Auguste Ertl

Ihren 90. Geburtstag feierte am Wochenende in der Hohensteiner Straße Auguste Ertl, geborene Degenhardt. Das im „Gässje“ (Schuhgasse) zur Welt gekommene „eschte Reischebesche Mädsche“ war Jahrzehnte in der SPD und im SSV aktiv.

„Gustl“ wurde in der Evangelischen Kirche getauft und konfirmiert, ging in Reichenbach zur Schule und heiratete den Heimatvertriebenen Nikolaus Ertl. Dieser war nicht nur in der SPD, sondern als Rechner auch beim SSV aktiv. So lag es nahe, dass seine Frau 1969 in die SPD eintrat und in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) aktiv wurde. Auch wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten organisierte sie zusammen mit Getraude Roß, Gretel Röder, Gerda Händschke und zahlreichen anderen Frauen Basare und Faschingsveranstaltungen für Kinder und Senioren. Die Erlöse daraus wurden für soziale Zwecke und für Spielgeräte verwendet, wie unter anderem für die Rutschbahn des 1974 erbauten Spielplatzes am Felsenmeer.

1987 trat Auguste Ertl in die Sänger- und Sportvereinigung (SSV) ein, gründete und leitete die Senioren-Gymnastik über 25 Jahre lang. In dieser Zeit war sie auch Mitglied des Vorstandes. Ihre Freude an der Bewegung und ihre soziale Grundeinstellung gab sie auch an ihre drei Kinder, Enkel und Urenkel weiter. Nahezu alle sind im SSV aktiv, sei es als stellvertretende Vorsitzende, Rechner, Flohmarkt-Helfer, Fußballer, Trainer und Gymnastik-Übungsleiterinnen.

Auch deshalb lag es nahe, dass die große Familie den runden Geburtstag der Uroma mit einem Essen im SSV-Heim feierte. Dort gratulierte neben SSV-Vorsitzendem Manfred Preuß der Beigeordnete Ferdinand Derigs offiziell für die Gemeinde. Für die SPD Lautertal und Reichenbach, sowie für die Arbeitsgemeinschaft 60 PLUS überbrachten Gertraude Roß und Heinz Eichhorn die Glückwünsche. Beide haben über 50 Jahre hinweg in verschiedenen Bereichen mit der Jubilarin zusammengearbeitet.

(Text: he, Foto: Reinhard Pfeifer)

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Wilhelm Schmidt 70 Jahre in der Gewerkschaft

Lange warten mussten in Lautern so manche Besucher, um dem bekannten und beliebten Wilhelm Schmidt zum 90. Geburtstag gratulieren zu können. Denn groß war die Zahl der Menschen, die sich an seinem Ehrentag in der Hauptstraße 34 die Klinke in die Hand gaben. Zumal Schmidt nicht nur runden Geburtstag feierte, sondern auch noch für 70-jährige Zugehörigkeit zur Gewerkschaft geehrt wurde, ein Ereignis, das „nur äußerst selten vorkommt“, wie DGB-Regionssekretär Horst Raupp in seiner Laudatio betonte.

Wilhelm Schmidt wurde in Lautern geboren, ging hier zur Schule und wurde in Reichenbach konfirmiert. Vor 66 Jahren heiratete er die Brandauerin Else Conrad und hat mit ihr zwei Kinder und vier Enkelkinder. Ausgebildet wurde er als Zimmermann bei Jakob Trautmann in Lautern. Schon kurze Zeit später tat er das, was zur damaligen Zeit so viele Menschen im Tal taten – er arbeitete in der Blaufabrik, die später unter Ciba-Geigy firmierte.

Über seinen Arbeitgeber bis zum letzten Tag seines Berufslebens hat Schmidt nur Positives zu erzählen. In dem Betrieb habe ein hoher Organisationsgrad der Arbeitnehmer bestanden, einen aktiven Betriebsrat habe es hier schon früh gegeben, auch deshalb wären Löhne und Gehälter auskömmlich und die sozialen Leistungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „beispielhaft“ gewesen. Trotzdem hätte die Belegschaft ab und zu der Geschäftsführung „Feuer unter den Hintern“ machen müssen. Schmidt erinnerte an die Streiks in den 1960- und 1970-er Jahre, die die Fronten aber nur kurzzeitig verhärtet hätten. Danach habe man sich wieder vertragen.

Regionssekretär Horst Raupp dankte Schmidt für seine Standhaftigkeit und seine Treue zur Gewerkschaft sogar über das Arbeitsleben hinaus. Der Jubilar habe wesentlich dazu beigetragen, dass zumindest einer Generation „gute Arbeit und guter Lohn“ ermöglicht worden wäre. Heute sei dagegen das Arbeitsleben viel schwieriger geworden. Immer mehr Unternehmer sträubten sich gegen Tarifverträge, gute Bezahlung und langfristige Arbeitsverhältnisse. Bei ihnen stünde vor allem die „Gewinnmaximierung“ im Mittelpunkt. Während früher die Inhaber und Anteilseigner noch mit vier oder fünf Prozent Gewinn zufrieden gewesen wären, müssten es heute zehn, manchmal gar zwanzig Prozent sein.

Und zu viele Arbeitnehmer meinten, alleine gegen ihre Arbeitgeber ankommen zu können und wunderten sich, wenn diese ihnen nicht auskömmliche Bezahlung und prekäre Arbeitsverhältnisse anbieten würden. „Nur durch organisierte Solidarität der Beschäftigten und den Eintritt in die Gewerkschaften können  gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne durchgesetzt werden. Tarif geht nur aktiv, mit mitgliederstarken Gewerkschaften“, machte Raupp deutlich.  Im Kreis Bergstraße seien derzeit 21.600 Mitglieder in den DGB Gewerkschaften organisiert.

Bürgermeister Andreas Heun würdigte nicht nur die Standhaftigkeit Schmidts im Arbeitsleben, sondern auch seine Beiträge zur Dorfgemeinschaft. So habe er Jahrzehnte in der örtlichen Feuerwehr mitgewirkt, besonders dafür gesorgt, dass die verheerenden Brände von Hofreiten in Lautern gelöscht worden seien. Einen Beitrag zur Dorfgemeinschaft habe Schmidt auch mit der Unterstützung des örtlichen Gesangvereins geleistet. Hierfür dankte ihm der Bürgermeister und überreichte Urkunden vom Land Hessen, Kreis Bergstraße und der Gemeinde Lautertal.

Zu den offiziellen Gratulanten der Gremien und Organisationen zählten auch Ortsvorsteherin Renate Müller, Ortsbrandmeister Bernd Röder, Edith Götz vom Gesangverein „Sängerlust“ und Pfarrer Reinhard Engelbrecht von der Kirchengemeinde.


(Text und Foto: he)

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Bundesverdienstkreuz für engagierten Brauchtumsförderer, Trachtenträger und Sozialdemokraten

Albrecht Kaffenberger wurde für seine Verdienste mit hohem Orden ausgezeichnet

Nur noch wenig mehr als jährlich tausend Verdienstorden werden in Deutschland durch den Bundespräsidenten verliehen. Einer der Wenigen, die in den Genuss dieser hohen Auszeichnung kamen, war jetzt der Reichenbacher Albrecht Kaffenberger. Er hatte seit fast 50 Jahren in hohem Maße das Brauchtum und die Trachten im vorderen Odenwald, sowie kommunalpolitisch „sein“ Dorf Reichenbach gefördert.

In einer würdigen Feierstunde im Gasthaus „Am Felsenmeer“ überreichte Landrat Christian Engelhardt die Auszeichnung. Seit 1972 habe sich Kaffenberger kommunalpolitisch und in den örtlichen Vereinen immer in führenden Funktionen betätigt. So war er drei Legislaturperioden lang Ortsvorsteher, Gemeindevertreter, Jahrzehnte im Vorstand der SPD Reichenbach, Vorsitzender des Seniorenbeirats Lautertal, in zahlreichen Gremien der Schornsteinfegerinnung (sowohl auf der Arbeitnehmer-, als auch auf der Arbeitgeberseite), sowie in zahlreichen örtlichen Vereinen aktiv.

Seine größten Leistungen vollbrachte der rüstige Senior im örtlichen Verschönerungsverein (VVR). Dort regte er als Vorsitzender die Brauchtumsförderung mit dem Spinnkreis und den vielen öffentlichen Auftritten der Trachtenträger an. Unter seiner Regie und unter Mithilfe seiner Frau Margarete erhöhte sich die Zahl der Trachtenträger auf über 70, fanden eine Fülle von öffentlichen Auftritten statt und warb der Verein für das Odenwälder Brauchtum. Als Vorsitzender der Mößinger-Stiftung trug Kaffenberger wesentlich dazu bei, dass sich das Stiftungskapital auf über 250.000 Euro erhöhte und somit auch in Zukunft die Zielsetzungen Kaffenbergers und des Vereins weiter verwirklicht werden können.

Zu den Gratulanten zählten neben der Landtagsabgeordneten Karin Hartmann auch Bürgermeister Andreas Heun mit Gattin, VVR-Vorsitzende Simone Meister mit dem Spinn- und Musikkreis, Vertretern der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT), sowie der Schornsteinfegerinnung. Die gemeinsamen Jahre  seit 1972 rief der frühere Partei- und Fraktionsvorsitzende Heinz Eichhorn in Erinnerung. Wie Kaffenberger stand er viele Jahre dem VVR vor und war Reichenbacher Ortsvorsteher. Und wie jetzt auch Kaffenberger ist er einer der wenigen Träger des Bundesverdienstkreuzes.

(Text: he, Fotos: Walter Koepff)

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Begeisterter Europäer feierte 80. Geburtstag

Mit einem Empfang im Saal des Gasthauses „Zur Traube“ feierte der begeisterte Europäer, Sozialdemokrat und Freund der örtlichen Vereine, Helmut Lechner, seinen 80. Geburtstag. Und die Zahl der Gäste war groß. Allen voran gratulierte Bürgermeister Andreas Heun, der sich bei ihm für eine großartige Tour nach London bedankte. „Du bist jung geblieben und hast uns mit einem minuziös geplanten und umfangreichen Besuchsprogramm in London zu Höchstleistungen angestachelt“, meinte der Verwaltungschef.

Der frühere Landrat Matthias Wilkes erinnerte an die gemeinsamen Aktivitäten in der Kommunalpolitik, besonders bei der Realisierung des „Trautmannhofs“ in Reichenbach. Philipp Otto Vock, Vorsitzender von Brücke Most, des Verbindungsvereins zwischen dem Kreis Bergstraße und dem Landkreis Schweidnitz in Niederschlesien/Polen, würdigte Lechners Ideen, antreibende Kräfte und Umsetzungsfähigkeiten.

„Anglophil, frankophil, italophil, interessiert an Sprache, Kultur und Geschichte“ bezeichnete sein langjähriger Kollege und Mitstreiter Walter Koepff im BA Lechners Grundeinstellungen. Der 40 Jahre im Schuldienst tätige Lechner war zuletzt am Abendgymnasium in Frankfurt tätig. In seiner Freizeit widmete er sich schon früh der SPD, wurde vor 50 Jahren Mitglied, dann Vorsitzender, Gemeindevertreter und Fraktionsvorsitzender. Als Gründungsvorsitzender des Arbeitskreises Partnerschaft Europäischer Gemeinden (APEG) war er wesentlich an den Verschwisterungen mit Radlett, Jarnac und Dogliani beteiligt.

Lechner ist Mitglied von 14 Vereinen, darunter beiden Reichenbacher Sportvereinen. Beim TSV war er zeitweise Turnwart, beim Tennisclub Vorsitzender. Lechner ist mit der früheren Schönbergerin Ingrid verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Beim runden Geburtstag in der Traube spielten die Original Blütenweg-Jazzer aus Bensheim mit Bandleader Dr. Bruno Weis auf, bei denen Helmut Lechner – natürlich – auch Mitglied ist.

(Text: he, Foto: Walter Koepf)

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Christine Lambrecht trägt sich ins goldene Buch ein

Eine Bundesministerin ist nicht jeden Tag zu Gast in Lautertal.

Deshalb nutze Bürgermeister Andreas Heun den Besuch von Christine Lambrecht, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, um sie zur Erinnerung einige Zeilen in das „goldene Buch“ der Gemeinde schreiben zu lassen.

Lambrecht kam dem Wunsch gerne nach. Unser Bild zeigt sie mit (von rechts) Bürgermeister Heun, dem Kreisbeigeordneten Karsten Krug und Jürgen Machleid, dem Vorsitzenden der SPD Lautertal.

(Foto: SPD)

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Ein Leben lang mit Puppen beschäftigt

Puppen zählen zu den ältesten und häufigsten Spielzeugen der Welt. Schon vor vielen Jahrhunderten spielten bevorzugt Mädchen mit ihrer „Pupa“, zogen sie an, bewegten sie und schliefen mit ihnen ein. Die Reichenbacherin Ria Jöckel hat sich nicht nur in ihrer Kindheit, sondern ein Leben lang mit ihren Lieblingen beschäftigt, für wahrscheinlich über hundert die Kleidung gewebt, genäht, gestrickt, gehäkelt. Einen Teil davon bewahrt sie in ihrem Wohnzimmer auf und zeigt sie voller Stolz ihren Besuchern.

Ria Eßinger, geschichtsträchtiger Jahrgang 1933, wuchs in einer großen Familie in der Felsbergstraße auf. Ihre Liebe zu den Puppen konnte sie beruflich nicht ausleben. Zu gerne hätte sie bei der Gestaltung, der Herstellung und dem Entwurf der Kleidung mitgewirkt. Denn Möglichkeiten dazu gab es ganz in der Nähe Lautertals. Während sich die gewerbliche Herstellung ab dem 15. Jahrhundert bevorzugt auf den Raum Nürnberg konzentrierte, gründete sich 1873 in Mannheim die Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik und stellt ihre „Schildkrötpuppen“ noch heute her. Während vorher die Lieblinge der kleinen Mädchen noch aus Pappmaché oder Porzellan bestanden, wurden sie nun aus Gummi oder Celluloid gefertigt, hatten Kugelgelenke und Kleidung aller Art. Sie waren und sind bruchfest, abwaschbar, farbecht und hygienisch.

Ria Jöckel lebte ihr besonderes Verhältnis zu Puppen statt im Beruf als Hobby aus. Dabei orientierte sie sich schon ein wenig an Käthe Kruse, der weltweit bekannten Herstellerin von Künstlerpuppen, die auch den Ansprüchen von Spielpuppen gerecht zu werden versuchte. Als sich Anfang der 1980-er Jahre regelmäßig einige Frauen in der Bauernstube der Familie Schneider im Unterdorf zum Stricken, Weben, Häkeln und Sticken trafen, war auch die Puppenliebhaberin Ria Jöckel dabei.

Auch Trachtenpuppen hergestellt

Ihr Interesse übertrug sie auf die Teilnehmerinnen, die jetzt so manche eigenen Entwürfe realisierten.  Dabei fertigten die Damen auch gerne Trachtenpuppen, weibliche und männliche, denen sie die Odenwälder Tracht anzogen. Besonders achteten sie darauf, dass die Vorgaben des Odenwälder „Trachtenpapstes“ Hans von der Au beachtet wurden: Zugebunden bis zum Hals, damit ja kein Stückchen Fleisch zu sehen war. Die Odenwälder Tracht wurde halt in einer Zeit geboren, als Prüderie und Keuschheit das herausragende Merkmal besonders der Landbewohner waren.

1987 schloss sich der Spinnkreis dann dem örtlichen Verschönerungsverein an, was vereinsintern zu großen Diskussionen führte. Nicht alle konnten den handwerklichen Arbeiten der Spinnfrauen etwas abgewinnen. Unter der Regie des Vereins wurden die wöchentlichen Treffen in das evangelische Gemeindehaus verlegt. Zumindest für Ria Jöckel war dies die schönste Zeit in der Gruppe, auch weil sich alles auf die ursprünglichen Arbeiten der Landfrauen in der guten Stube konzentrierte. Keine sonstigen Aktivitäten störte das gemütliche und harmonische Beisammensein.

Altardecke für die Kirche

So blieb auch Zeit beispielsweise für die Erstellung einer Altardecke durch Ria Jöckel und Margarete Streck. Das gute Stück wurde während eines Gottesdienstes an Pfarrer Thomas Blöcher übergeben und wird noch heute regelmäßig aufgelegt. In dieser Zeit strickten die Damen des Spinnkreises besonders gerne Wollsocken für die daheimgebliebenen Männer, die es als Wohltat empfanden, mit diesen gut durchlüfteten und somit angenehm zu tragenden Strümpfen durch die Wohnung zu laufen.

Als der Spinnkreis dann sein Domizil in der ehemaligen Jugendherberge aufschlug, war auch Ria Jöckel noch regelmäßig dabei. Heute findet sie jedoch nur selten den Weg zum Treffpunkt im alten Rathaus. Mit inzwischen 86 Jahren strickt, häkelt, stickt und spinnt sie lieber in der eigenen Wohnung. Ob sie allerdings in der eigenen Familie eine Nachfolgerin für ihre handwerklichen Arbeiten findet, ist noch unsicher. Großes Interesse zeigt ihre Enkelin Laura (Foto) wohl schon für die Arbeiten der Oma. Doch derzeit wohnt sie in Wiesbaden, studiert in Mainz im fünften Semester Jura und hat wenig Zeit für handwerkliche Arbeiten. So ist Ria Jöckel froh, dass ihre berufstätige Tochter Annette gerne die Odenwälder Tracht bei den örtlichen Umzügen anlegt und mit dem Herstellen eigener Puppen die vielseitigen Hobbys ihrer Mutter pflegt und teilweise fortführt.

(Text: Heinz Eichhorn, Foto: Walter Koepff)

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Gemeindebücherei feierte 110. Geburtstag

Büchereileiterin Christina Metzger

Die „Erweckung feinerer Gefühle, literarische Unterhaltung und wissenschaftliche Ausbildung“ hatten die „Lesevereine“ in Deutschland zum Ziel. Auch in Reichenbach gab es einen eigenständigen Verein, der seine Bücher im evangelischen Gemeindehaus aufbewahrte und dort auch verlieh. Vor 110 Jahren wurde das erste Buch an Pfarrer Wilhelm Scheid ausgegeben, wie aus dem „Leser-Konto“ im Gemeindearchiv noch heute zu ersehen ist.

Richtig Fahrt nahmen die Ausleihen jedoch erst vor hundert Jahren nach dem Ersten Weltkrieg 1919 auf. Auch wenn der Verein selbständig agierte, dürfe er wesentlich unter dem Einfluss von Wilhelm Scheid,  Valentin Keil und Wilhelm Dude zustande gekommen sein. Schließlich waren die Lesevereine meistens „private Zusammenschlüsse des vorwiegend gehobenen Bürgertums“. Und zu ihnen zählten Pfarrer, Schulleiter und Fabrikdirektor allemal.

In Reichenbach wurde wohl schon seit 1600 Schule gehalten, doch für Übung und Verbesserung des Lesens fehlte es an „Zeitungen, Zeitschriften und Büchern“. Diese stellte jetzt der Leseverein den Einwohnern gegen eine geringe Gebühr zur Verfügung. Auswählen konnten die Interessenten unter 275 Büchern. Die Zahl der vorhandenen Zeitungen und Zeitschriften wurde im Vereinsarchiv nicht festgehalten. Es dürfte sich jedoch in erster Linie um Ausgaben des Bergsträßer Anzeigenblattes (BA) gehandelt haben, das nach dem Ersten Weltkrieg vermehrt auch über das „Tälche“ berichtete und dort abonniert wurde.

Mit dem Ende des Zeiten Weltkrieges löste sich so manches auf, unter anderem auch der örtliche Leseverein.  Die „Erbmasse“ übernahm die Arbeiterwohlfahrt (AWO). In seinem Übergabeprotokoll vermerkte der AWO-Beauftragte Karl Appel, einem Eisenbahnbeamten aus Olmütz-Parlow (heute CSR), ausdrücklich die Zustimmung von Bürgermeister Wilhelm Jährling und Pfarrer Georg Mager zu diesem Akt. Zumal sich auch „niemand vom ehemaligen Leseverein gemeldet hat, der die verbliebenen Bände einem neu gegründeten Verein zuführen wollte“.

Als Leiter der jetzigen „Volksbücherei“ ernannte die AWO Dr. Franz Korger. Der Jurist war Heimatvertriebener aus Mährisch-Schönberg (CSR), kam am 15.05.1946 nach Reichenbach und wohnte in der Metzgerei Schneider in der Nibelungenstraße 54. Mit ihm und Franz Appel erlebte die inzwischen ins Rathaus verlagerte Ausleihe einen beträchtlichen Aufschwung. Neue Bücher konnten auch über die „Volksbüchereistelle in Darmstadt-Schloss“ erworben werden und in Alsbach wurde eine „private Leihbücherei komplett zu sehr günstigen Bedingungen erworben“. 1951 erreichten die Zahl der Leser mit 160 und die Buchausleihen mit über 3.000 Höchststände.

Am 20. August 1952 stellte Korger an die Gemeinde den Antrag, „die Bücherei nach der Weisung des Hessischen Gemeindetages aus Etatmitteln zu subventionieren“. Und zwar mit rund 20 Pfennigen pro Einwohner und Jahr, also mit rund 500 DM. Leider wäre der Antrag weder beantwortet, noch die Subvention gewährt worden. Erst durch Intervention des AWO-Vorsitzenden Günter Hebel sei Bewegung in die Sache gekommen und die Gemeinde hätte fortan den Zuschuss gezahlt.

Nachfolgerin von Dr. Franz Korger wurde dann für mehrere Jahrzehnte Christel Kindinger. Als Frau des späteren AWO-Vorsitzenden Hans Kindinger dokumentierte sie die weiterhin bestehende Verbindung zwischen AWO und Gemeindebücherei. Verdeutlicht wurde dies auch mit dem Umzug in die ehemalige Jugendherberge in der Beedenkirchener Straße, dem neuen Domizil des Vereins ab Mitte der 1970-er Jahre.

Nach dem Tod von Christel Kindinger widmete sich ihre Tochter Christina Metzger der Beschaffung und der Ausleihe der Bücher. Mit ihr und der Entwicklung wandelte sich die Gemeindebücherei erneut. So befinden sich jetzt die Räume im neuen Rathaus und in Zeiten digitaler Technik wird neben rund 2.000 Bänden in handfester Form auch die neue Technik  im Angebot berücksichtigt.

Trotz weiter entwickelter Technik ist nach über einem Jahrhundert Lesen vieles beim Alten geblieben: Wer lesen kann und auch noch liest, ist eindeutig im Vorteil. Lesen bildet und das Lesen eines guten Buches kann den getriebenen und sich im Dauerstress befindlichen Menschen die dringend benötigte Entschleunigung bringen, die sie sonst nicht finden. Insofern ist der Leiterin der Gemeindebücherei auch um deren Zukunft nicht bange.

(Text und Foto: he)

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Reichenbacher Rathaus als Ort der Kunst

Malerei: Pauline Schöneck stellt ihre Acrylgemälde im Sitz der Gemeindeverwaltung aus / Künftig soll es dort weitere solcher Aktionen geben

Reichenbach. Beim Neujahrsempfang der Gemeinde Lautertal war Pauline Schöneck mit Bürgermeister Andreas Heun ins Gespräch gekommen. Nun darf sie ihre zahlreichen abstrakten Acrylbilder unter der Überschrift „Farbgefühle“ im Reichenbacher Rathaus einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. „Sie haben den Mut zu diesem Schritt gehabt und damit den Bann für zukünftige Ausstellungen im Rathaus gebrochen“, freut sich Heun. „Im Rathaus sollte nicht nur die Politik eine Rolle spielen. Der Gemeindevorstand ist der Meinung, dass auch Kunst und Kultur hier im Rathaus vertreten sein sollen, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, hofft er auf weitere Talente, die die Gelegenheit nutzen wollen, hier einmal ihr Können zu zeigen.

Zur Ausstellungseröffnung kamen zahlreiche Besucher, die teilweise bisher nichts davon geahnt hatten, welche vielfältigen künstlerischen Talente Pauline Schöneck hat. Davon berichtete dann auch ihre Tochter Edda Schöneck-Dander in der Laudatio. „Lass dir etwas einfallen, hast du mir gesagt, als ich gefragt habe, welche Form denn so eine Lobrede haben soll“, ließ sie die Zuhörer an ihrer anfänglichen Ratlosigkeit teilhaben.

Mehrere Wochen für ein Bild
„Von Anfang an, hat es dich begeistert, dich künstlerisch ausdrücken zu können. Sei es im schulischen Kunstunterricht oder später beim Töpfern, Stricken und vielem anderen mehr“, beschrieb die Tochter die künstlerische Ader ihrer Mutter. Und weiter: „Mit der abstrakten Malerei hast du ein weiteres interessantes Ventil gefunden, um deine Gefühle auszudrücken zu können. Deine Bilder haben keine Titel. Und das ist bewusst so gewählt, denn der Betrachter soll letztlich selbst herausfinden, was ihm das Bild sagen will“, gab sie den Besuchern mit auf den Weg durch die Ausstellung.

Bevor die Kunstinteressierten den Weg durch die Flure antraten, vergaß die Künstlerin aber nicht, sich bei den ihnen für ihr so zahlreiches Erscheinen, bei Andreas Heun und dem Gemeindevorstand für die Offenheit, bei Peter Schuster, Martin Steinmann und Inge Meier für die logistische Unterstützung, bei ihrer Tochter für die Laudatio und auch bei ihren Enkeln Hanna und Paul zu bedanken, die an diesem Sommertag, ihr zu Ehren, auf den Schwimmbadbesuch verzichtet haben.

Pauline Schöneck stammt ursprünglich aus Völklingen im Saarland, wohnt aber schon seit fast 30 Jahren im Lautertal. Vor fünf bis sechs Jahren hat sie mit dem Malen von Acrybildern begonnen. „Das Bild entwickelt sich nach und nach. Dabei lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf“, beschreibt sie die Arbeit mit verschiedenen Techniken, etwa der Spachtel- oder Sprühtechnik. „Bis so ein Bild fertig ist, können mehrere Tage, ja sogar Wochen vergehen. Das kann man vorher nicht abschätzen. Manchmal male ich bis spät in die Nacht. Niemals arbeite ich aber parallel an mehreren Bildern gleichzeitig“, erläutert Schöneck. „Mit Blick auf die Nibelungenstraße habe ich mir hierfür eigens ein Zimmer hergerichtet“, sagt sie abschließend.

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. September während der Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen. Für Oktober ist eine weitere Ausstellung im Kunstpalast in Elmshausen in Vorbereitung.

(Text: Ferdinand Derigs)

 

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Förderin der Vereine Elisabeth Lampert verstorben

Eine große Zahl örtlicher Vereine wurden von Elisabeth Lampert unterstützt, oft Jahrzehntelang und bis ins hohe Alter hinein. Jetzt wurde sie auf dem Friedhof in Reichenbach zu Grabe getragen.

Elisabeth kam nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn in den Odenwald. In Reichenbach heiratete sie den selbständigen Schmiedemeister Hans Lampert und war im Geschäft für den Verkauf der Haushaltswaren zuständig. In dem kleinen Laden konnte man alles erwerben und Elisabeth fand auch mit zielsicheren Handgriffen immer alles auf Anhieb.

Über ihren Mann und die Kundschaft fand sie früh den Kontakt zu den örtlichen Vereinen und Organisationen. Mit der Frauenhilfe traf sie sich fast jeden Mittwoch und schmückte oft die Räume mit Blumen aus dem Hausgarten. Ihre ein- und mehrjährige Stauden gab sie auch gerne an Freunde und Bekannte weiter. Die Liebe zu Natur und Pflanzen kam auch bei der Mitarbeit im örtlichen Verschönerungsverein (VVR) zum Ausdruck. 35 Jahre lang pflegten sie und Hans die Anlage am Eingang zur Friedhofstraße und wurden dafür vom VVR besonders geehrt.

Eintritt und Mitarbeit im Arbeitskreis Partnerschaft Europäischer Gemeinden (APEG) hatten die positiven Erfahrungen ihres Mannes in französischer Kriegsgefangenschaft gefördert. Auch deshalb nahm das Ehepaar gerne Gäste aus Jarnac auf. Elisabeth Lampert unterstützte den Frauenchor, saß oft bei der Feuerwehr und den Vogelschützern an der Kasse und turnte beim SSV in der Seniorinnengymnastik. Zwanzig Jahre lang lieferte sie bei den SSV-Flohmärkten ihren begehrten Kartoffelsalat ab.

Erst als ihre gesundheitlichen Probleme zunahmen und 2014 ihr Ehemann verstarb, schränkte sie ihre Mitarbeit in den Vereinen ein. Elisabeth Lampert verstarb am 26. September im gesegneten Alter von 87 Jahren. Die Trauerfeier fand am Mittwoch, 11. Oktober in der Evangelischen Kirche statt.

(Text und Foto: he)

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